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Rivista Antonianum
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Foto Walter Peter , Recensione: Johannes Schlageter, Franziskanische Barocktheologie. Theologie der franziskanischen Thuringia im 17. und 18. Jahrhundert, in Antonianum, 85/3 (2010) p. 504-508 .

Bekannte Namen wird man in dieser Theologiegeschichte der thüringischen Provinz der Franziskanerobservanten, die von deren Gründung 1633 bis zur Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts reicht, vergeblich suchen.

Die einzige Ausnahme bildet der als Ireniker hervorgetretene Cristóbal de Gentil de Rojas y Spinola († 1695), der allerdings erst spät von der Kölner in die Thüringische Provinz übertrat, um diese auf dem nächsten Generalkapitel vertreten zu können. Ob seines spanischen Namens würde man ihn in diesem Buch gar nicht vermuten. Da er weniger als theologischer Autor denn als Kirchenpolitiker hervorgetreten ist und seine Aktivitäten anderweitig ausführlich behandelt sind, ist ihm jedoch zu Recht nur ein knapper Abschnitt gewidmet (127-131). Dass man alle übrigen hier vorgestellten Personen in den allgemeinen theologischen Nachschlagewerken kaum findet, macht gerade den Reiz und die Bedeutung des vorliegenden Werkes aus, das am Beispiel der franziskanischen Thuringia den Blick auf die zu Unrecht vernachlässigte Bildungslandschaft der Orden und ihrer Studienhäuser richtet. Der im Vorwort genannte Patrologe, Kirchen- und Ordenshistoriker Karl Suso Frank OFM, der selber seine Ausbildung an Ordenshochschulen erhalten hat, machte immer wieder auf diese von der hohen Universitätstheologe herablassend betrachteten und von der Forschung vernachlässigten Ausbildungsstätten aufmerksam. Durch den vorliegenden Band hätte er sich bestätigt gesehen.

In der franziskanischen Thuringia wurde Theologie an verschiedenen Orten unterrichtet, nicht nur im Kloster auf dem Frauenberg in Fulda, das den Umschlag des vorliegenden Buches ziert. Daneben scheinen vor allem die Konvente von Worbis auf dem Eichsfeld, von Altstadt in Hammelburg (Unterfranken) sowie von Tauberbischofsheim als Ausbildungsstätten hervorgetreten zu sein, da in ihnen feierliche akademische Akte wie theologische Disputationen abgehalten wurden, für die eigens Thesensammlungen gedruckt wurden. Eine zentrale Hochschule für den Ordensnachwuchs der Provinz scheint es jedenfalls nicht durchgehend gegeben zu haben. Zwar ist davon die Rede, dass dem Konvent auf dem Frauenberg 1628, also noch vor der Gründung der Ordensprovinz, eine solche Rolle zugeschrieben wurde (17). Aber erst gegen Ende des Berichtszeitraums scheint er diese Position (wieder) eingenommen zu haben, als hier seit 1774 „das gesamte Bibelstudium der Thuringia […] zusammengefasst“ (210) wurde. Auch die 1762 geschaffene Lektur für kanonisches Recht (224) hat wohl hier ihren Ort gehabt. Die gegen Ende des 17. Jahrhunderts angeregte und 1701 ausdrücklich vorgeschriebene Beschäftigung mit kontroverstheologischen Themen (179) war wohl nicht an eine besondere Lektur oder an einen bestimmten Ort gebunden. In den genannten Konventen scheint sich das Lehrpersonal mehr oder weniger auf zwei Dozenten, einen für Philosophie und einen für Theologie, beschränkt zu haben, wobei der Erstere sich in der Regel für ein späteres theologisches Lehramt qualifizierte (18f.). Angesichts der „starke[n] moralisch-praktischen Ausrichtung der theologischen Ausbildung“ (19) verwundert es, dass die zuvor unterrichteten philosophischen Kurse zwar Logik, Metaphysik und Naturphilosophie umfassten, aber gerade die Ethik fehlte.

Der theologische Lektor dürfte hauptsächlich die für die spätere Seelsorgetätigkeit insbesondere auf der Kanzel und im Beichtstuhl wichtigen Inhalte behandelt haben. Solche institutionsgeschichtliche Informationen, die über das ganze Werk verteilt sind, hätte man gerne in einem eigenen Abschnitt versammelt, zumal die Monographie von Christian Plath, welche die allgemeine Geschichte der Ordensprovinz und ihrer einzelnen Niederlassungen behandelt und auf die immer wieder verwiesen wird, noch nicht erschienen ist.

Die Vorstellung der in der franziskanischen Thuringia betriebenen Theologie ist in vier große Abschnitte gegliedert. Während der letzte die theologische Entwicklung seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, als man auch von katholischer Seite auf die Aufklärung zu reagieren begann, in ihrer ganzen Breite zusammenfasst und auch philosophische Themen einbezieht, behandeln die drei ersten Abschnitte die Zeit davor und sind jeweils der systematischen Theologie, dem spirituell-erbaulichen Schrifttum sowie der Kontroverstheologie gewidmet. Dabei wird in den ersten beiden Bereichen eine spezifisch franziskanische Prägung deutlich, wenn etwa die Rezepti on skotistischer Topoi wie der „distinctio formalis“ in der systematischen Theologie oder „seraphische“ Anregungen für die persönlich wie die gemeinschaftlich gepflegte Frömmigkeit thematisiert werden. Veranschaulicht wird dies erfreulicherweise durch längere Auszüge aus den vorgestellten Quellenwerken, die seit langer Zeit niemand mehr in Händen gehabt haben dürfte.

Bei den bis zum Ende des Berichtszeitraums in lateinischer Sprache abgefassten wissenschaftlichen Veröffentlichungen hat der Verf. der im Fließtext gebotenen deutschen Übersetzung in den Anmerkungen jeweils das lateinische Original beigegeben, so dass diejenigen, die nicht nur an den Inhalten, sondern auch an der ursprünglichen sprachlichen Form interessiert sind, auf ihre Kosten kommen. So werden, um nur einige Beispiele aus unterschiedlichen Bereichen zu nennen, längere Auszüge geboten aus Schriften des Philosophie- und Theologielektors Friedrich Stümmel (1623-1682), der seinen Namen nach Art der Gelehrten seiner Zeit latinisierte („Stumelius“) und der seine Ordensprovinz zweimal auf einem Generalkapitel in Spanien vertrat.

Gleich das erste Werk, eine umfangreiche Darlegung der zwischen Skotisten und Thomisten kontroversen Positionen aus dem Jahr 1680, zeigt, dass die theologische Produktion der Thuringia sich keineswegs auf unmittelbar praktisch Verwertbares beschränkte. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang der Schulterschluss skotistischer Theologen wie Stumelius mit den Jesuiten gegen die Thomisten im sog. Gnadenstreit an der Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert (27f.). Obwohl die Summa theologiae des Thomas von Aquin seit dem 16. Jahrhundert, vor allem durch das Zutun der Jesuiten, die Sentenzenbücher des Petrus Lombardus als theologisches Lehrbuch ablösten, haben Franziskaner wie Angelinus Brinckmann (1683- 1758), der in diesem Band sowohl als systematischer wie auch als Kontroverstheologe begegnet, und andere diese Entwicklung nicht mitgemacht und nach wie vor die Sentenzen kommentiert (42. 52-55). Man wüsste gerne, ob dies lediglich aus Motiven eines der Ordensgeschichte nicht ganz fremden Corpsgeistes oder aus sachlichen Gründen geschah. Ein ganz anderes Gebiet decken die 1727 bzw. 1732 erschienenen und ausführlich vorgestellten „Discursus morales“ des langjährigen Philosophie- und Theologielektors, Fuldaer Dompredigers und immer wieder in der Ordensleitung eingesetzten Wolfgang Boxberger (1668-1733) ab, der aus der reichen spirituellen Tradition seines Ordens geistliche Anregungen für die verschiedenen Stände schöpfte.

Im Bereich der Auseinandersetzung mit der Reformation wird nicht nur, wie bereits erwähnt, der Ireniker Gentil de Rojas y Spinola vorgestellt, sondern werden auch Auszüge aus der „Revocations-Predigt“ geboten, die der Franziskaner Dionysius Franciscus Goemans 1694 anlässlich seines Übertritts zum Luthertum in Gießen gehalten hat und in der er mit dem Katholizismus im Allgemeinen wie mit dem Ordensleben im Besonderen ins Gericht geht.

Das umfangreiche Schrifttum des zunächst in Worbis als Philosophie- und Theologielektor und später in mehreren leitenden Ordensämtern tätigen Edmund Baumann (1645-1731) ist nicht nur unter allgemein kontroverstheologischem Gesichtspunkt interessant. Als geradezu spannend erweist sich seine Auseinandersetzung mit dem Superintendenten von Mühlhausen (Thüringen) Johann Adolph Frohne (1652-1713) über Allgemeines Priestertum und besonderes geistliches Amt, in deren Darstellung der Verf. Auch eine 1704 in Mühlhausen zu diesem Thema abgehaltene lutherische Synode einbezieht. Bei der anonym erschienenen Schrift zur Toleranz in Glaubensfragen, mit der Baumann sich ausführlich auseinandersetzt und deren Titel der Verf. erschließt (174, Anm. 532), handelt es sich, wie eine elektronische Recherche ergibt, um ein 1706 ohne Verfasser- und Ortsangabe gedrucktes 32 Seiten starkes Heft des niederländischen Mystikers Jakob Bril[l] (1639- 1700), welches in der Württembergischen Landesbibliothek Stuttgart nachgewiesen ist, die eine umfangreiche Sammlung seiner Traktätchen besitzt.

Thematisch weist diese Kontroverse um die Toleranz voraus auf den letzten Abschnitt, in dem die Auseinandersetzung mit der Aufklärung im Mittelpunkt steht. Die Theologen der Thuringia zeigen sich dabei durchaus mit der zeitgenössischen Diskussion vertraut, sei es, dass sie die Kompatibilität aktueller physikalischer Auffassungen mit der kirchlichen Eucharistielehre diskutieren (201f.), sei es, dass sie in Fragen der Bibelauslegung auf den Streit um die von Lessing edierten Wolfenbütteler Fragmente Bezug nehmen (214. 222). Aufschlussreich für die Anschlussfähigkeit volkstümlicher Prediger und Pädagogen an den jeweiligen Zeitgeist sind die Auszüge aus entsprechenden Schriften, die der Verf. im letzten Unterabschnitt bietet.

Dadurch erfährt man etwa, dass der nicht unbegabte Prediger Marzellinus Schöpf, dessen Lebensspuren sich in der Zeit der Säkularisation verlieren, seine Zuhörerschaft einmal gar als „Buerger!“ anredet (244).

Der durch seine Forschungen zur älteren Franziskanerschule, vor allem zu Petrus Johannis Olivi, einschlägig ausgewiesene Autor konnte für diese Darstellung nur auf wenige Vorarbeiten zurückgreifen, die er in einem Abschnitt „Zum Forschungsstand“ (13-15) zu Beginn kurz vorstellt. Das meiste hat er aus einer großen Zahl ungedruckter wie gedruckter Quellen geschöpft, die in einem eindrucksvollen Verzeichnis am Ende des Bandes (261-267) aufgeführt sind. Schade ist, dass wegen ihrer Anonymität auf eine Vorstellung und Auswertung der in der Provinzbibliothek Fulda-Frauenberg anscheinend in größerer Zahl vorhandenen Vorlesungsmitschriften verzich tet wurde. Sie werden lediglich in cumulo genannt (50, Anm. 129). Angesichts der Tatsache, dass diese Theologiegeschichte neben der pastoralen Tätigkeit des Verf. entstand, ist eine solche Entscheidung zur Eingrenzung des Stoffs auch wieder verständlich. Dem Verf. gebührt das Verdienst, in entsagungsvoller Arbeit Neuland betreten und ein weithin unbeachtetes und vergessenes Schrifttum anschaulich zum Sprechen gebracht zu haben. Hervorzuheben ist, dass er dies keineswegs rein historisierend oder gar apologetisch tut. Vielmehr übt er, auch wenn er die Aussagen der vorgestellten Theologen in ihre Zeit einordnet, durchaus Sachkritik, etwa wenn es um die skotistische, von Stumelius „mit fragwürdigen Argumenten“ (38) verteidigte Auffassung von der Legitimität der Zwangstaufe von Ungläubigen, besonders von Juden, geht. Man hätte sich die eine oder andere Abbildung gewünscht, zumal etwa das Frontispiz gleich des ersten behandelten Werks als „[b]emerkenswert“ charakterisiert wird (22, Anm. 43). Bilder der vorgestellten Theologen dürfte es, da dem Ideal franziskanischer Einfachheit widersprechend, wohl kaum geben. Neben dem Personen- und Ortsregister, das den Band erschließt, wäre auch ein Sachregister hilfreich zum leichteren Auffinden von weit verstreuten Aussagen zu einzelnen Themen wie etwa der „distinctio formalis“, der Amtstheologie, der Zwangstaufe usw. Alles in allem leistet das Werk einen wertvollen Beitrag zu einem vernachlässigten Feld der katholischen Bildungsgeschichte der Neuzeit. Es ist zu hoffen, dass andere Ordenshistoriker dieser Anregung folgen.


 
 
 
 
 
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